„Zwei Stunden am Tag, mehr nicht“ – diesen Satz haben viele Eltern im Kopf, wenn sie über Bildschirmzeit nachdenken. Und dann sitzt das Kind vier Stunden im Online-Unterricht, und die Rechnung geht nicht mehr auf. Richtwerte zur Bildschirmzeit sind in der Regel Freizeitwerte und lassen sich nicht einfach auf die Online-Schule übertragen – was die Sache allerdings nicht entspannter macht, sondern komplizierter.
Ich werde das in Beratungen regelmäßig gefragt, und ich möchte mir hier einmal etwas mehr Zeit nehmen, um eine Antwort auf die Frage zu geben.
Gelten die oft benannten Richtwerte auch für den Unterricht?
Nein. Zumeist beziehen sich die Zahlen auf die freizeitliche Nutzung – das steht u.a. in der medizinischen Leitlinie ausdrücklich (vgl. AWMF-Leitlinie 027-075, Prävention dysregulierten Bildschirmmediengebrauchs). Schule ist damit nicht gemeint.
Das ist aber kein direkte Entwarnung. Dieselbe Leitlinie stellt fest, dass für die Einschätzung gesundheitlicher Risiken die Summe aus schulischer und freizeitlicher Nutzung ausschlaggebend ist. Einen Gesamtrichtwert nennt sie nicht. Übersetzt heißt das: Der Unterricht wird nicht mitgezählt, aber er ist trotzdem da und die Zeit, die Kinder und Jugendliche vor dem Bildschirm verbringen, zeigt ihre Wirkung.
| Altersstufe | Empfehlung zur freizeitlichen Nutzung | Wichtige Begleitregeln |
| 0–3 Jahre | Keine passive oder aktive Nutzung von Bildschirmmedien | Auch indirekte Bildschirmnutzung im Umfeld möglichst vermeiden. |
| 3–6 Jahre | Höchstens 30 Minuten an einzelnen Tagen | Nur in Anwesenheit bzw. Begleitung von Eltern; qualitativ hochwertige, altersgerechte Inhalte wählen und gemeinsam besprechen. |
| 6–9 Jahre | Höchstens 30–45 Minuten an einzelnen Tagen | Möglichst gemeinsame Nutzung, Nachbesprechung der Inhalte, Prüfung der Altersgerechtigkeit. |
| 9–12 Jahre | Höchstens 45–60 Minuten an einzelnen Tagen | Keine eigene Spielkonsole; keine tägliche Nutzung; Internetzugang beaufsichtigt gestalten. |
| 12–16 Jahre | Höchstens 1–2 Stunden pro Tag | Nutzung möglichst bis spätestens 21 Uhr; begrenzter Internetzugang und begleitende Reflexion. |
| 16–18 Jahre | Orientierungswert: weiterhin höchstens 2 Stunden pro Tag | Freie Nutzung ist möglich, aber Medienkonsum sollte weiterhin reflektiert und bei Auffälligkeiten professionell begleitet werden. |
Mir persönlich ist wichtig, dass die Altersstufen teilweise sehr weit gefasst sind. Für ein 9-jähriges Kind und ein 12-jähriges Kind, die hier in einer Altersstufe zusammengefasst sind, würde ich sehr verschieden entscheiden. Auch die Unterscheidung zwischen „täglich“ und „an einzelnen Tagen“ ist mir sehr wichtig.
Was sagt die Leitlinie konkret zur Bildschirmzeit in der Online-Schule?
Die Leitlinie nennt für den digitalen Fernunterricht keine eigenen Werte, trifft aber Kernaussagen, die ich für hilfreich erachte:
- Bildschirmnutzung auf das didaktisch Notwendige begrenzen: Im Fernunterricht sollen digitale Medien gezielt für Unterricht, Kommunikation und Lernaufgaben eingesetzt werden; reine Beschäftigung am Bildschirm soll vermieden werden.
- Abwechslung und Pausen vorsehen: Der Unterricht sollte Phasen ohne Bildschirm, Bewegung, Offline-Aufgaben und ausreichende Pausen enthalten, um körperliche und psychische Belastungen zu reduzieren.
- Pädagogische Begleitung stärken: Lehrkräfte, Eltern und Schülerinnen und Schüler sollen über einen gesundheitsförderlichen Umgang mit Bildschirmmedien informiert werden, etwa zu Pausen, Ergonomie, Schlaf, Bewegung und der Unterscheidung zwischen schulischer und freizeitlicher Nutzung.
- Familien entlasten und einbeziehen: Eltern sollen dabei unterstützt werden, den Fernunterricht zu begleiten, ohne dass die gesamte häusliche Zeit bildschirmorientiert wird; gemeinsame bildschirmfreie Zeiten bleiben wichtig.
- Besondere Aufmerksamkeit bei jüngeren Kindern: Je jünger die Kinder sind, desto stärker benötigen sie Anleitung, Struktur und Erwachsenenbegleitung; eigenständige, stundenlange Bildschirmnutzung ist für Grundschulkinder besonders problematisch.
Beim Bildungsserver Mecklenburg-Vorpommern finden sich Orientierungswerte für Online-Lernen pro Tag vor:
| Klassenstufe | Maximale Online-Lernzeit pro Tag |
| 1. Klasse | ca. 45 Minuten |
| 2. Klasse | ca. 65 Minuten |
| 3. Klasse | ca. 90 Minuten |
| 4. Klasse | ca. 120 Minuten |
| 5. Klasse | ca. 145 Minuten |
| 6. Klasse | ca. 190 Minuten |
| 7. Klasse | ca. 240 Minuten |
| 8. Klasse | ca. 250 Minuten |
| 9.–10. Klasse | ca. 270 Minuten |
Diese Werte sind geringer, als an vielen Online-Schulen tatsächlich angesetzt wird. Aber ich erlebe immer mehr Online-Schulen, die sehr aufmerksam und umsichtig mit der Bildschirmzeit umgehen und für Pausen, wechselnde Formate und Eigentätigkeit abseits des Bildschirms sorgen.
Worauf achte ich im Alltag?
Fünf Punkte, die sich in Beratungsgesprächen als praktikabel erwiesen haben – und die man auch dann umsetzen kann, wenn der Stundenplan nicht verhandelbar ist:
- Pausen alle 30 Minuten. Ununterbrochenes „Nahsehen“ über 30 Minuten hinaus ist mit stärkerem Fortschreiten von Kurzsichtigkeit verbunden (vgl. Augenklinik der Uniklinik Köln). Kurz aufstehen, in die Ferne schauen, das genügt oft schon.
- Zwei Stunden Tageslicht täglich. Das Licht des Bildschirms ist etwas ganz anderes, als das natürliche Tageslicht. Achten Sie daher auf eine Mindestzeit „an der frischen Luft“. Diese lassen sich auch sehr gut mit Bewegungseinheiten verknüpfen. Da z.B. ein Schulweg bei einer Online-Schule ausfällt, muss man hier besonders aufmerksam sein.
- Abende schützen. Wenn der Unterricht am Bildschirm stattfindet, ist der Bildschirm am Abend keine Entspannung mehr, sondern eine Verlängerung.
- Arbeitsplatz einrichten. Abstand zum Bildschirm über 30 Zentimeter, Licht von der Seite, ein fester Platz. Vom Bett aus funktioniert Unterricht schlechter, als Jugendliche behaupten.
- Bewegung und Begegnung einplanen. Sport und Treffen mit anderen Kindern sind in der Online-Schule kein Freizeitthema, sondern Teil des Stundenplans.
Was ich nicht empfehle: die Bildschirmzeit minutengenau zu protokollieren. In den Familien, mit denen ich gesprochen habe, hat das die Konflikte eher vergrößert. Der Blick darauf, womit die Zeit verbracht wird und ob das Kind daneben noch draußen ist, schläft und Freunde trifft, trägt weiter als jede Stoppuhr.
Bildnachweis: Pexels – Tima Miroshnichenko
